Warum Science Fiction?

Ein Beitrag von Dr. Lars Schmeink

Das Projekt FutureWork beschäftigt sich aus wissenschaftlicher Sicht mit der Frage „Wie kann man sich unsere Arbeitswelt Ende des 21. Jahrhunderts vorstellen?“ und versucht sich aus verschiedenen Perspektiven (u.a. Foresight, Arbeitswissenschaft, Soziologie) diesem Thema zu nähern. Anders als bei vielen anderen Projekten dieser Art ist dabei, dass wir a) den Zeitrahmen unserer Vorausschau auf fast 80 Jahre gesetzt haben und b) eine Fachdisziplin mit aufgenommen haben, die bislang aus wissenschaftlicher Sicht unterschätzt wird: Science Fiction Studies.

Dabei bietet der Einbezug kultureller Praktiken und kreativer Visionen zur Arbeit einen zentralen Vorteil in der Beschäftigung mit Zukunft – er erschließt ein gesamtgesellschaftliches Potential, das aufgrund vermeintlich unwissenschaftlicher Subjektivität brach liegt. Science Fiction (SF) ist ein wertvolles kulturelles Werkzeug, das uns erlaubt, radikale technologische und soziale Neuerungen zu erfassen und deren ethische, politische, oder auch ökonomische Möglichkeitsräume auszuloten.

Was SF bewegen kann

Im Rahmen meiner Lehrtätigkeit an verschiedenen Hamburger Universitäten nutze ich die Science Fiction schon lange, um mit Studierenden über technische Entwicklungen zu sprechen und so eine neue Generation von Ingenieur*innen und Stadtplaner*innen für das Potential zu Veränderungen und neuem Denken zu sensibilisieren. Ein aktuelles Lehrprojekt „Zukunft | Gesellschaft | Technologie“ etwa wird als nicht-technisches Angebot an der TU Hamburg und an der HafenCity Universität angeboten. Der Kurs besteht aus Kinovorführungen relevanter SF-Filme, in deren Anschluss wir mit ausgewiesenen Expert*innen zu Themen diskutieren, die uns gesellschaftlich vor neue Herausforderungen stellen: Klimawandel, Soziale Medien, Globalisierung, Überwachung, Künstliche Intelligenz, Genetik, Drohnentechnologie. Um eine möglichst große Heterogenität der Meinungen und Beiträge zu erlangen, ist die Veranstaltungen kostenfrei für die Hamburger Öffentlichkeit zugänglich – wir diskutieren mit einem gemischten Publikum im Kinosaal und tragen somit wissenschaftliche Diskurse in den öffentlichen Raum. Mit Hilfe der SF erreichen wir so also ein Publikum, dass sich Vorlesungen oder Diskussionsrunden nicht unbedingt öffnen würde.

Was SF macht

Die SF ist ein literarisches (oder besser allgemein kulturelles) Genre, das sich zentral mit der Frage von Veränderungen beschäftigt, die von Technik, Wissenschaft und Fortschritt produziert werden. Aber mehr noch, wie James Gunn feststellt, ist die SF die Literatur des Wandels schlechthin, stellt sie doch weniger eine einzelne Charakterentwicklung in den Vordergrund, als vielmehr eine gesellschaftliche Entwicklung:

Science fiction is the branch of literature that deals with the effects of change on people in the real world as it can be projected into the past, the future, or to distant places. It often concerns itself with scientific or technological change, and it usually involves matters whose importance is greater than the individual or the community; often civilization or the race itself is in danger.

* James E. Gunn, “Towards A Definition Of Science Fiction”, Speculations On Speculation: Theories of Science Fiction (2005), S. 6

Im Gegensatz zu weiten Teilen realistischer Kulturproduktion, geht es der SF nicht darum, wie einzelne Menschen exemplarisch den immer gleichen Wahrheiten (Liebe, Konflikt, Tod) des Lebens begegnen, sondern vielmehr darum aufzuzeigen, wie diese Wahrheiten sich aufgrund von fortschreitender menschlicher Entwicklung wandeln können. Die SF stellt daher die großen Wandlungen als übergeordnetes Thema in den Raum, konzentriert sich auf die Prozesse des Fortschritts und die Struktur des Wandels. Der Autor und Kritiker Brooks Landon hat das wie folgt ausgedrückt:

Science Fiction is the literature of change. More precisely, science fiction is the kind of literature that most explicitly and self-consciously takes change as its subject and its teleology.

* Brooks Landon, Science Fiction After 1900: From Steam Man to the Stars (2002), S. xi

Entsprechend ist die Science Fiction geprägt von sozialen Veränderungen und konnte, etwa in den 1970er Jahren, auch für Themen der Bürgerrechts- oder der Frauenrechtsbewegung eingesetzt werden. Im Rahmen der SF entstanden so neue Visionen veränderter sozialer

Strukturen wie egalitäre Gesellschaften, ökologisch nachhaltige Lebensformen, oder Ökonomien jenseits des Kapitalismus.

SF in FutureWork

Und genau dort setzt auch das Projekt FutureWork an, in dessen Rahmen sich das Teilprojekt „Science Fiction“ mit den Repräsentationen zukünftiger Arbeit in der SF auseinandersetzt. Wir untersuchen, welche Bilder und Konzepte von Arbeit die kreativen Köpfe der SF in ihren Visionen nutzen und welche Entwicklungen sie vorhersehen. Dabei sind Fragen zur gesellschaftlichen Ordnung und Regelung von Arbeit ebenso wichtig, wie die Frage nach technologischer Veränderung etwa im Rahmen von Automatisierung, oder die Dringlichkeit des Klimawandels und der daraus resultierenden globalen Veränderungen. Die SF bietet vielschichtige Blicke auf unterschiedlichste Zukünfte, die wir innerhalb unseres Forschungsprojektes abgleichen und so fundierte Szenarien entwickeln, welche Veränderungen uns und unserer Perspektive auf Arbeit im Übergang vom 21. zum 22. Jahrhundert begegnen werden.